Dienstagmorgen, 2005

“Tuu jab, rai hen” murmelt Moses.
Soll heissen “two jabs, right hand” aber Moses kommt aus Puerto Rico und mit dem Englischen hat er’s nicht so, auch nach 20 Jahre in New York. ”Jab” klingt bei ihm noch immer wie das deutsche Ja mit einem B zum Abschluss. “Tuu jab, rai hen” kommt der Befehl und meine Handschuhe trommeln auf seine Pratzen. Und wehe, man zieht die Rechte nicht ganz schnell zurück wie dereinst Joe Louis gegen unseren Maxe, dann hat man sofort Moses Linke an der Backe kleben. Selbst um 6 Uhr in der Früh.
Das Church Street Boxing Gym öffnet schon um 5:30Uhr. Da trotte ich dann von der Washington Street herüber, sind nur 10 Minuten, am grossen Loch der World Trade Center-Ruine vorbei, wo auch 4 Jahre nach dem Anschlag rund um die Uhr Lärm herrscht, aber nichts voran zu gehen scheint. Immerhin ist die unterirdische Bahnstation funktionsfähig. Da kommt Moses an, mit dem Zug aus Jersey City, wo die Latinos wohnen, die sich Harlem nicht leisten können und Schiss vor der Bronx haben.
“What up, Champ?” Jeden Morgen beim Aufschliessen der schweren Stahltür, dem Anschien nach vollkommen frei von Ironie. Die Nerven möcht’ ich haben. Dann geht es die enge Treppe runter in den Keller, dessen Wände mit Postern vergangener Tage zugeklebt sind. An der Längsseite ein riesiges gemaltes Portait von Sugar Ray. Robinson, nicht Leonard, versteht sich. Die Decke ist zwar sicher 5 Meter hoch, dennoch ist die Luft selbst beim Aufschliessen der Halle stickig und es riecht nach Schweiss. Es gibt keine Fenster und die Lüftung reicht einfach nicht, in der kurzen Zeit der Ruhe zwischen Mitternacht und halb sechs den Duft zu vertreiben, den verträumte Männer und verbitterte Frauen hier fast rund um die Uhr auf Sandsäcke eindreschend ausdünsten . Gut so, wir sind ja nicht zum Spass hier.
“Tuu jab, rai hen!”
Und zur Verdeutlichung für mich offenkundigen Idioten schickt er noch ein “bam-bam-boom” hinterher. Das Atmen tut weh, man fühlt tatsächlich wie die Lunge sich bläht. Das kannte ich nicht, damals, beim Kicken mit den Kumpels. Da kam es eher darauf an, möglichst wenig zu rennen und das dann auch noch als Talent auszugeben. Hab ich nicht nötig, bin doch Maradona. Beziehungsweise der typische Mitteleuropäische Wohstandsfurz, der in Hemdchen aus südostasischen Kinderfabriken für nichts im Leben was tun muss, gibt ja Papa Staat samt Sozialnetz oder zur Not Mama’s kleine Zuwendungen. Hat der Junge doch verdient. Studiert so lieb und brav, und das schon seit 7 Jahren.
KAWUMM haut Moses mir aufs Ohr. Willkommen in der Wirklichkeit. Meist schaut er dabei genzuso unbeteiligt wie beim Kaffekochen, manchmal grinst er schüchtern.
“Tuu jab, rai hen,Champ.”
Arschoch.
“Bam-bam-boom.”
Alright Coach.
So früh am Morgen tummeln sich hier nur zwei oder drei Latinos, die in den umliegenden Türmen oder unten an der Wall Street als Hausmeister oder Security arbeiten. Dementsprechend dröhnt Salsa durch die stickige Luft des Kellers. Yo soy la muerte, la muerte soy. Ein Hit nach dem anderen. Ich war auch ein paar mal abends dort, da war es aber zu voll, das Publikum allerdings interessanter Weise viel dunkler. Keine Ahnung, warum die Jungs ausgerechnet hier nach Downtown kommen, Gleason’s Gym ist genau am anderen Ende der Brooklyn Bridge und im Norden gibt es haufenweise Boxhütten. Die Musik änderte sich ebenfalls mit dem Publikum: I got 99 problems but a bitch ain’t one. So sieht’s aus. Auch boxerisch ein anderer Schwerpunkt, mehr Defensive, Wegtauchen links und rechts und nach hinten. Smoooooooth. Die Latinos am Morgen sind da eindimensionaler. Hände ans Kinn und immer stur nach vorne, ohne Rückwaerstgang in die Einbahnstrasse, tuu jab, rei han, bam-bam-boom,
Noch vor 7 Uhr bin ich fertig, also sowohl kaputt als auch fertig mitdem Training, nach 2 Runden Seilspringen, 3 Runden Schattenboxen, 4 Runden am schweren Sack, 3 Runden mit Moses, 3 Runden an der speed bag, und verschwitzt laufe ich die Treppen hoch zurück in die Washington Street. Tausende Anzüge fluten nun schon aus den U-Bahn-Schächten und ich fühle mich etwas fehl am Platz. An der Ecke Church Street/Fulton sitzt eine schwarze Mama und verteilt Zeitungen, Alter schwer zu schätzen, zwischen 30 und 60, eher 50 but you never know, höchstens 1,50m gross aber mindestens Cruiserweight. Wie immer nicke ich ihr zu aber als ich gerade an ihr vorbi bin ruft sie dieses mal für ca. 800 Menschen hörbar “Mmhmmhmmh, some sexy legs coming out of them sweaty pants”. Ich lache, drehe mich um und rufe “I love you too”. Wenn ich nicht so ein furchtbar kleines Schwäntzchen hätte, vor allem jetzt nach dem Sport, hätte ich sie zu einem date gebeten aber stattdessen renne ich über die 4 Spuren zur anderen Strassenseite dann am Bauzaun entlang, an dem den Toten des Ungluecks gedacht wird und Bilder vom Bau der WTC-Türme hängen.
Um ca 8 Uhr 30 bin ich geduscht und gestriegelt und gesättigt, kann also, nun ebenfalls im Anzug, gehetzt die Wall Street runter gehen, manchmal auch Pine Street, so oder so an der Water Street links rum und ab in die Maschine. Den ganzen Tag lang ducken, aber die Hände an der Tastatur statt am Kinn. Der Chef fragt, warum ich das gestern wieder verbockt hätte, er habe doch Anweisungen hintrelassen, ob ich kein Englisch spräche. Nicht wirklich, würde ich gerne sagen aber ich lächle lieber und schaue über seine Schulter aus dem 19 Stock auf den East River. Es ist noch nicht einmal 10. Und was ich mir für heute vorgenommen hätte? Ich nuschle irgendwas von Prozessoptimierung doch innerlich schrillt die Alarmglocke zum Ende der Pause zwischen zwei Runden und ich denke tuu jab, rai hen, bam-bam boom, yo soy la muerte, la muerte soy.

Los Angeles de California

Tief im Westen, wo Stars verstauben
und Mickey Mäuse Täume rauben
liegt die Engelsstadt am Strand
verhurt,
verlogen,
abgebrannt.

Don Jose wohnt bei den Armen
neben der alten Putzfrau Carmen
und wundert sich warum die Weissen
selbst ihn, den Busfahrer, bescheissen
nachdem sie schon das Land geklaut,
das Meer verseucht, die Luft versaut
und noch viel mehr verbrochen haben,
sich nun aber an Cocktails laben
und über Mexikaner spotten,
die abzuschieben, auszurotten
mal endlich jemand planen muss!

Doch halt,
wer putzte dann Toiletten?
Und meiner Nichte Stiefeletten?
Wer führe dann den Bus?

Aufgewacht

Weinberge und solche
ohne Wein
wellen sich durchs Hexental
Von Au nach Wittnau
zur Marie Luise
nach Bollschweil.

Die Mittagssonne blendet mich,
von der Kreuzsteige aus
uebersehe ich
verstehe ich
die ganze weite Welt.

Da faellt
dem Nachbarn im 18. Stock
auf einmal ein
die Ramones noch lauter zu drehen.
Fucking 3 am, I’m trying to sleep!

Du drehst Dich um ohne aufzuwachen.

Die Bilder der Matten
verflachen zu Schatten
Schweiss auf den Kissen
die A/C droehnt beschissen
an ambulance roars down 9th Avenue
unter keinem Wipfel ist Ruh.

Am morgen lauschst Du meinem Klagen
und wirst mich halb verschlafen fragen
Are you dreaming
of a white christmas?

Fluch der Flucht

Haben wirklich jene Recht,
die sich mit dem bescheiden,
was sie als Kindeskinder einst
beschlosen zu durchleiden?

Bequemer, ja, und gut bezahlt,
Solch stetig steifer Gang.

Ich jedoch renne weiter weg
Und ende stets
am Anfang.

Kreuzberger Nächte sind lang

Graue Gassen
Graue Hunde
Graue Runde
Zu grauer Stunde

Bunte Schnäpse
In grausamen Schuppen
Wir tanzen wild
Bis in die Puppen

Und wenn wir in den Puppen wüten
Vermummen wir den Schwanz in Tüten
Oder kommen behutsam auf Ihr graues Bein
(Oder den Rücken, je nach dem
Abtreibungen sind ja so unangenehm)
Und feste Beziehung muss nun wirklich nicht sein
Wir würden ja so viel verpassen
Bunte Schnäpse
Graue Gassen
Graue Runden
Zu grauen Stunden
Graue Beine
Geoffnet wie Wunden
Aus denen rosa Sehnsucht taut.

Alles muss beim Alten bleiben
Und wir für immer jung

Bis uns der Morgen graut.

Auf Einmal

Gerade waren wir noch jung,
und dumm und frisch verliebt
und zuendeten die Kerzen an,
von beiden Seiten.

Nun, auf einmal, wechselst Du
Windeln und das Thema,
sobald wir, ansatzweise nur
um Nichtigkeiten streiten.

Und ich auch.
Weil wir uns lieben?
Wo sind denn bitte
die Kerzen geblieben?

Manchmal

Manchmal –  wenn Frühlingsmonde scheinen
Und alle Sinne sich vereinen,
Wenn wir die Erde atmen meinen
Und anerzog’ne Angst verneinen,
wenn tausend Sterne uns betören
und wir nur Grillen grasen hören,
wenn weiche Winde uns verfühern
und warme Wangen sich berühren,
wenn wir, den Liebesakt vollbracht,
verschachtelt wachen in der Nacht,
verschmolzen, Bauch an Bauch
- küsst uns der Götter steter Hauch
und wir entschlummern, wider Willen.

Das Hohe Lied donnert im Stillen.

Als Du erwachend die Augen auf schlugst

Du liegst verloren auf dem Bett,
das schon so lang
kein Liebespaar mehr sah.
Von weitem
wie ein Ei,
ein Panzer,
halb weich,
halb unnahbar.

Doch all die Federn,
all die angezog’nen Knie,
sie schützen nicht
vorm Träumen.

Dann wachst Du auf.

Die Cello-Augen blicken
Aus fast verklung‘nen Räumen,
gedankenlos
und ohne Groll.

Dann bist Du hier,
ganz Wunder,
Voll.

Broadway

Am Times Square geht die Zeit viel schneller
Vorbei.

Die Straße eine schmierige Schneise,
Voll mit Bettlern, Betrügern, Touristen.

Man dreht sich im Kreise.
Was ist denn
So geil an der Geldmacherei?

Ich sehe die aufrechten Affen
drängen und kaufen und gaffen.
Das Blinken blendet die Blinden.
Eine Welt aus Münzen und Schein.
Mtv, toys ‘r‘ us, tks
formen der Fröhnenden Schrein.

Das beste, weil teuerste Wirtshaus am Platz
Reicht Wein
Aus Salz
und Rosinen.

Und dann und wann kein weißer Elefant.
Nur Taxis.
Und Limousinen.

Strömend regnet die Sonne

Strömend regnet die Sonne
Von meiner Stirn in die Brandung
Die weisser noch strahlt
Als meine Zehen,
Die nun zick-zackig
Rückwaerts gehen.
Krebsen aufs Festland
Treten im Treibsand
Auf der Stelle.

Nimm mich, Welle,
Mit ins Grüne,
Entschlacke die Schuld
In salziger Sühne,
Berge mich im Wellental,
Stelle mich vor den Wal,
Oder mache mich Hai.

Mein Einerlei
Sei nun vorbei.
Ein neues Leben
Version 2.2

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